Die Geschichte der Farbe Blau Die Farbe der Götter
1. Die
Symbolik der Farbe Blau im alten Ägypten
Im alten Ägypten wurden dem
blauen Lapislazuli lebensspendende Eigenschaften nachgesagt. Die Mythologie
berichtet im altägyptischen Totenbuch von Horus, dem falkenähnlichen Sohn des
Gottes Osiris, der das Böse vernichtet. Er erscheint danach in Falkengestalt am
Himmel und "sein Oberteil ist aus blauem Stein". Die Ägypter erfanden auch das
blaue Glas, welches zusammen mit dem Lapislazuli bei Statuen und Särgen der
Pharaonen zur Darstellung der Augen, Haaren und Kronen diente. Der wichtigste
Fluss Ägyptens, der Nil, wird auf altägyptischen Grabbildern ebenfalls immer in
blauer Farbe dargestellt. Blaue Nilpferde als Kunsthandwerk waren als Symbol für
den lebensspendenden Fluss sehr begehrt. In Gräbern fanden sich unbekleidete,
mit blauer Lasur überzogene Frauenfiguren, die als Symbol der Schöpfung und als
Erneuerung des Lebens verstanden werden können.
In ägyptischen Tempelräumen leuchten die
Himmelsdarstellungen an den Decken intensiv blau und tragen gelbe Sterne. Das
Blau ist die Farbe des Kosmos, des Laufs der Sonne und der Sterne am Firmament,
welches am Rand mit dem Blau der Ozeane verschmilzt. Sie ist die Farbe der
Bildhintergründe in den Darstellungen der Königsgräber im Tal der Könige. Das
Kopftuch der Könige und die Königsinsignien Krummstab und Wedel sind blau-gold
gestreift. Der Schmuck des Tutanchamun besteht aus Gold und Lapislazuli. In
Ägypten galten die Pharaonen als Söhne des Sonnengottes Rê, der die höchste
Gottheit verkörperte und mit der Farbe Gold in Verbindung gebracht wurde. Gold
galt wie Blau als Farbe des Göttlichen, die Goldmaske Tutanchamuns ist aus
22karätigem Gold.
Die Ägypter sahen im tiefen Blau des Wassers das
Leben und im unermesslichen Blau des Himmels das Göttliche, somit findet sich
der Ursprung für die Symbolik der Farbe Blau bereits im alten Ägypten. Die Farbe
Blau ist jedoch älter als alle Weltreiche. Von jeher erschienen der Himmel und
damit die Ozeane blau. Die blaue Färbung des Himmels kann durch eine
Lichtstreuung des Sonnenlichts an den Luftmolekülen und den Staubteilchen
erklärt werden. Die erste Farbe, die der Mensch in der Steinzeit bewusst
wahrnahm und mit Symbolwirkungen belegte, war jedoch die Farbe Rot. Es ist
möglich, dass die Farben Blau und Grün erst im Laufe der jüngeren
Menschheitsentwicklung von anderen Farben unterschieden werden konnten.
2. Von Blaufärbern,
vom "Blaumachen" und von Teufelsfarben
Bis zum Aufkommen der synthetischen Farbstoffe war
die Farbe der Kleidung keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage des
Geldes. Im Gegensatz zu den anderen Farben wie Purpur war Blau jedoch einfach zu
färben. Der wichtigste Farbstoff zum Färben war der aus Indien stammende Indigo
oder der etwas weniger intensiv färbende einheimische Färberwaid. Zur
Herstellung des Farbstoffes wurden die Blätter des Färberwaids in Kübeln mit
menschlichem Urin vergärt. Durch die Zugabe von Alkohol wurde der Gärungsprozess
verstärkt. Da Alkohol aber teuer war, tranken die Färber viel Alkohol, der dann
im Urin angereichert war. Zum Färben der Stoffe wurden diese meist sonntags für
mindestens 12 Stunden in das Färbebad eingetaucht. Die blaue Farbe auf den
Textilstücken ergab sich jedoch erst, wenn diese längere Zeit an die Luft
gehängt wurden. Immer wenn die Färbergesellen am Montag betrunken daneben lagen,
um auf das Ergebnis zu warten, wusste jeder, dass blau gefärbt wurde, die Färber
waren "blau" und machten "blau". Auch der Begriff "blauer Montag" findet hier
seinen Ursprung.
Durch das Finden des Seeweges nach Indien im Jahre
1498 durch Vasco da Gama kam der indische Indigo nach Europa. Zuerst wurde das
Färben mit indischem Indigo zum Teil unter Androhung der Todesstrafe verboten,
da er die Existenz der einheimischen Bauern gefährdete. Im Jahre 1654 erklärte
ihn deshalb der deutsche Kaiser zur "Teufelsfarbe". Zur Unterstützung der Bauern
führte Kurfürst Friedrich Wilhelm am Ende des 17. Jahrhunderts die preußischblau
gefärbten Uniformen ein. Das Blau der Uniformen wirkte außerdem ordentlich und
seriös. Im ersten Weltkrieg verschwand das Blau bei den deutschen, preußischen
Uniformen, es wurde durch Tarnfarben abgelöst.
Aufgrund der besseren
Färbeeigenschaften setzte sich der indische Indigo allmählich durch und wurde
1737 legalisiert. Aus der "Teufelsfarbe" wurde der "König der Farbstoffe". Ab
1897 löste der durch Adolf Baeyer erfundene synthetische Indigo den natürlichen
Indigo ab. Während im Mittelalter die Farbe Rot die Farbe der Adligen war, war
das matte Blau des Färberwaids die Farbe der Dienstboten und der niederen
Stände. Die mit dem aus Asien stammenden Indigo leuchtend blau gefärbten
Gewänder waren anfangs hauptsächlich der Gesellschaft der französischen
Königshöfe vorbehalten. Mit dem Import des indischen Indigos wurde der leuchtend
blaue Farbstoff jedoch auch zum Blaufärben von Arbeitskleidung ("blauer Anton")
benutzt. Noch heute werden die Blue
Jeans, die ursprünglich als Arbeitshose für die
Goldgräber in Kalifornien erfunden wurde, mit Indigo gefärbt.
3. Die blaue Blume in
der Romantik
Die blaue Blume ist ein beliebtes Motiv in der
Dichtung der Romantik. In dem 1802 von Novalis erschienenen Romanfragment
"Heinrich von Ofterdingen" träumt der Held von einer blauen Blume, die ihn mit
einer großen Sehnsucht erfüllt:
"Eine Art von süßem Schlummer befiel
ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine
andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weiten Rasen am Rande einer
Quelle, die in die Luft hinaus quoll und sich darin zu verzehren schien.
Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das
Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als gewöhnlich, der Himmel war
schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe
lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten,
glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen
Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die
blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich
wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und sich zu
verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den
wachsenden Stengel; die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter
zeigten einen blauen, ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht
schwebte."
Angeregt und beunruhigt durch diesen Traum macht
sich Heinrich auf in die Welt, um die Ursprünge seiner Sehnsucht zu suchen. Auf
seiner Reise in die Ferne blickt er auf einer Anhöhe gleichzeitig zum Ziel
seiner Reise und zurück in seine Heimat:
"Er sah sich an der Schwelle der
Ferne, in der er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich
mit sonderbaren Farben ausgemalt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue
Flut zu tauchen. Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah nach Thüringen,
welches er jetzt hinter sich ließ mit der seltsamen Ahndung hinüber, als werde
er nach langen Wanderungen von der Weltgegend her, nach welche sie jetzt
reisten, in sein Vaterland zurückkommen, und als reise er daher diesem
eigentlich zu."
Die blaue Blume ist somit Symbol des Aufbruchs zur
Erfüllung von Sehnsüchten und aber auch Symbol des Findens des eigenen,
persönlichen Glücks und Lebenssinnes. Der gleichzeitige Blick nach vorne und
zurück ermöglicht dem Betrachter geistige Reflexion über das Vergangene im
Hinblick auf die Zukunft. In Augsburg begegnet Heinrich Mathilde und entdeckt
beim Anblick ihres Gesichts einen Zusammenhang mit seinem Traum:
"Ist mir nicht zumute wie in jenem
Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare Zusammenhang ist
zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir
entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht..."
In Mathildes Gesicht entdeckt Heinrich das
Seelenbild eines Menschen, das er schon immer zu lieben glaubte. Die Verbindung
zwischen der Symbolik der blauen Blume und Mathildes Gesicht kann auch als die
Sehnsucht nach Einigkeit und Verbundenheit mit der Natur verstanden werden.
Mathilde stirbt, doch Heinrich bleibt sich über den Tod hinaus seiner Liebe und
damit seiner Sehnsüchte treu.
Die poetische Farbsymbolik der Farbe Blau bei
Novalis wird vom Leser intuitiv wahrgenommen und kann auch anhand der modernen
Erkenntnisse aus der Farbenpsychologie verstanden werden. Das Denken an die
Farbe löst eine sehnsüchtige, träumerische Stimmung aus und erzeugt gleichzeitig
Geborgenheit und Ruhe (vgl. auch das Gedicht von Hermann Allmers "Ich ruhe still
im hohen grünen Gras...").
Das Gedicht mit dem einfachen Titel "Gedicht" von
Rolf-Dieter Brinkmann bricht bewusst mit der Tradition der blauen Blume, die das
Finden des eigenen Ichs im Antlitz eines gegenüberstehenden Gesichts (blaue
Blume, geliebte Person) symbolisierte. Die im Gedicht beschriebene Landschaft
ist durch den Menschen weitgehend zerstört. Der Schluss "Ich gehe in ein anderes
Blau" verdeutlicht die Haltung des heutigen Menschen: Statt Einheit mit der
Natur zu suchen, zerstört er sie und er weiß, dass er es tut.
4. Wassily Kandinsky,
Franz Marc und der Blaue Reiter
Der expressionistische Maler Wassily Kandinsky
schrieb 1910 in seinem berühmten Buch "Über das Geistige in der Kunst":
"Die Neigung des Blaus zur Vertiefung
ist so groß, dass es gerade in tieferen Tönen intensiver wird und
charakteristischer innerlich wirkt. Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es
den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und
schließlich Übersinnlichem." (Kandinsky, S. 92)
Im Jahre 1912 gaben die Maler Franz Marc und
Wassily Kandinsky einen Almanach heraus, den sie "Blauer Reiter" nannten. Dem
Buch gingen zwei Kunstausstellungen voran, der Name bezeichnete die berühmte
Münchener Künstlervereinigung. Beide Maler liebten die Farbe Blau und Pferde.
Berühmt geworden sind die blauen Pferde von Franz Marc. Bei der blauen Blume der
Romantik erkannte der Mensch in der Natur sein eigenes Antlitz. Marc ging mit
seinen blauen Pferden jedoch wesentlich weiter:
"Wir werden nicht mehr den Wald oder
das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern wie sie wirklich
sind, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das
hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen... Wir müssen von nun an lernen, die
Tiere und Pflanzen auf uns zu beziehen und unsere Beziehung zu ihnen in der
Kunst darstellen." (Marc 1912/13 in Partsch 1993)
Marc gab mit seinen blauen Pferden und den anderen
Tierdarstellungen den Geschöpfen der Natur die Seele zurück, wie sie sie in den
Höhlenmalereien noch hatten. Im träumenden Pferd von 1913 knüpfte Marc an die
Nähe der Farbe Blau zu den Träumen an. Bei Marc waren es die Pferde, die
Sehnsüchte hatten. Er selbst hatte eine innige Beziehung zu den Tieren, die
"alles Gute" in ihm "erklingen" ließen.
5. Die Wirkung der
Farbe Blau
Blau versetzt in einen
Zustand des Träumens, die Farbe stimmt sehnsüchtig, sie wirkt beruhigend und
führt zu einer ernsthaften Sicht der Dinge nach innen. Diese Funktion erfüllen
auch die blaumonochromen Bilder von
Yves Klein.
Die Farbe Blau gilt als Farbe des Gemüts und stimmt positiv. Aus diesem Grunde
sind unangenehme Dinge wie Strafzettel, Einzelfahrscheine oder "blaue Briefe",
welche die Nichtversetzung eines Schülers in die nächste Klassenstufe
ankündigen, blau gefärbt. Das Blau bewirkt, dass die Botschaften leichter
angenommen werden.
Blau ist neben Rot bei
den Deutschen die beliebteste Farbe. Daraus (und aufgrund ihrer positiv
stimmenden Wirkung) ergibt sich wohl auch ihre häufige Verwendung in der
Werbung. Viele Unternehmen benutzen die Farbe in ihrem Firmensignet (Aral,
Deutsche Bank,
Levis,
Nivea.
Waschmittelfirmen suggerieren mit dem Blau Sauberkeit und Frische für weiße
Wäsche, Getränkefirmen setzen die "blaue Wirkung" der erquickenden Flüssigkeiten
ein, um Kühle und Leichtigkeit zu vermitteln. Das Blau des Weichspülers "Lenor"
oder der Tempotaschentücher soll die "Softwirkung" der Produkte hervorheben.